Elektrophysiologische Untersuchung

Von , Ärztin
Valeria Dahm

Valeria Dahm ist freie Autorin in der NetDoktor-Medizinredaktion. Sie studierte an der Technischen Universität München Medizin. Besonders wichtig ist ihr, dem neugierigen Leser Einblick in das spannende Themengebiet der Medizin zu geben und gleichzeitig inhaltlichen Anspruch zu wahren.

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Die elektrophysiologische Untersuchung (EPU) ist eine spezielle Herzkatheter-Untersuchung. Sie dient meist der genauen Abklärung von Herzrhythmusstörungen, die zum Beispiel in einem vorhergehenden EKG festgestellt oder durch Symptome wie Herzrasen auffällig wurden. Lesen Sie alles über die elektrophysiologische Untersuchung, wie Sie gemacht wird und welche Risiken sie birgt.

EPU

Was ist eine elektrophysiologische Untersuchung?

Eine elektrophysiologische Untersuchung (kurz EPU) wird immer in einem Herzkatheterlabor (dann auch EPU-Labor genannt) durchgeführt. Für die Untersuchung selbst werden spezielle Herzkatheter verwendet, mit deren Hilfe eine elektrokardiologische Untersuchung direkt am Herzen durchgeführt werden kann. Positioniert man mehrere dieser Herzkatheter an bestimmten Stellen im Herzen, kann der Arzt die Erregungsleitung genau nachvollziehen und Herzrhythmusstörungen detailliert abklären. Der Untersucher leitet gewissermaßen direkt am Herzen ein EKG ab. Zusätzlich können während der EPU Reize gesetzt werden, die versteckte Herzrhythmusstörungen hervorrufen und so auffindbar machen.

Herzrhythmusstörungen

Damit das Blut koordiniert und rhythmisch in den Körper gelangt, zieht sich das Herz durch Muskelkraft in einem bestimmten Rhythmus zusammen. Dieser Herzrhythmus wird durch elektrische Impulse des Reizleitungssystems (auch Erregungsleitungssystem genannt) vorgegeben. Der Hauptimpuls kommt vom sogenannten Sinusknoten, der sich in der Wand des rechten Vorhofes befindet. Die Erregung breitet sich zunächst über die Vorhöfe aus, die sich daraufhin zusammenziehen (kontrahieren).

Anschließend wandert der Impuls am Übergang zwischen Vorhöfen und Herzkammern (Ventrikel) über den AV-Knoten und das His-Bündel in die Kammerschenkel (in der Kammerscheidewand) und schließlich in die Purkinje-Fasern (in den Kammermuskeln). Sie erregen den Herzmuskel von der Spitze aus und rufen damit die Ventrikel-Kontraktion hervor. Werden die elektrischen Signale fehlgeleitet oder entstehen in der Herzwand zusätzliche Impulse, ist der Herzrhythmus gestört. Das Herz arbeitet unkoordiniert, so dass das Blut weniger effektiv oder im schlimmsten Fall gar nicht mehr in den Körper gepumpt wird.

Wann macht man eine elektrophysiologische Untersuchung?

Die elektrophysiologische Untersuchung dient in erster Linie der genauen Abklärung einer Herzrhythmusstörung, die meist in einem vorangegangenen EKG festgestellt wurde oder Symptome wie Herzrasen verursacht hat. Die EPU wird heute gezielt insbesondere bei Patienten mit kardialer Grunderkrankung zur Synkopendiagnostik eingesetzt. Die elektrophysiologische Untersuchung ist normalerweise keine Notfall-Untersuchung, sondern wird erst nach sorgfältiger Planung durchgeführt.

Bei folgenden Arten einer Herzrhythmusstörung wird eine EPU durchgeführt:

  • Bradykarde Rhythmusstörungen – das Herz schlägt zu langsam. Ursachen sind beispielsweise das Sinusknotensyndrom, ein AV-Block oder chronische elektrische Leitungsstörungen in der Herzkammer (Schenkelblock). Bradykarde Rhythmusstörungen sind aber eine eher seltene Indikation für eine EPU. Es lässt sich zwar der Mechanismus der Bradykardie feststellen, die Wertigkeit ist jedoch nur begrenzt. Vereinzelt kann die Untersuchung aber doch sinnvoll sein, um Ursache und Lokalisation einer Überleitungsstörung im AV-Knoten (ober- bzw. unterhalb des His-Bündels) festzustellen. Auch bei Patienten mit Präsynkope oder Synkope (Ohnmachtsanfällen mit Bewusstlosigkeit) und dem Verdacht auf ursächlich bradykarde Rhythmusstörungen kann eine EPU angewendet werden.
  • In Einzelfällen wird auch bei einem Bradykardie-Tachykardie-Syndrom eine EPU durchgeführt, um den zugrunde liegenden Mechanismus zu klären - dann aber nur in Zusammenhang mit der Möglichkeit einer kurativen Katheterablation.
  • Bei begründetem Verdacht auf ein Sinusknoten-Syndrom (sick-sinus-syndrome) - Bradykardien, die ihren Ursprung im Sinusknoten haben - wird gelegentlich eine EPU durchgeführt.
  • Tachykarde Rhythmusstörungen – das Herz schlägt zu schnell: Ursachen sind beispielsweise zusätzliche Impulse in den Wänden der Vorhöfe (supraventrikuläre Tachykardie) oder der Kammer (ventrikuläre Tachykardie). Bei Tachyarrhythmien ist eine EPU nur in Kombination mit einer Katheterablation indiziert.
  • Anfallsartiges Herzrasen, wenn die Symptomatik für eine supraventrikuläre Tachykardie spricht, um den Mechanismus zu erkennen. Dazu zählen zum Beispiel die atrioventrikuläre Reentrytachykardie (AVRT, inkl. WPW-Syndrom) und die AV-Knoten-Reentrytachykardie. Es erfolgt meist die unmittelbare Behandlung durch eine Katheterablation.
  • Herzrhythmusstörungen bei Personen ohne kardiale Grunderkrankung, die einen plötzlichen Herzstillstand überlebt haben.
  • Bei idiopathischen ventrikulären Tachykardien, Herzrhythmusstörungen bei unklarer, nicht ausreichender Dokumentation, Bewusstlosigkeit (Synkope)

Was macht man bei einer elektrophysiologischen Untersuchung?

Vor der elektrophysiologischen Untersuchung klärt der Arzt den Patienten eingehend über Nutzen und Risiken auf. Etwa sechs Stunden vor Untersuchungsbeginn sollten Sie nichts mehr essen, vier Stunden davor auch nichts mehr trinken. Kurz vor der EPU wird ein venöser Zugang gelegt, über den Medikamente und Flüssigkeit verabreicht werden können (meist am Handrücken). Mittels EKG wird während der gesamten EPU der Herzrhythmus überwacht, ein Fingersensor registriert den Blutsauerstoff. Auch der Blutdruck wird regelmäßig gemessen.

Patienten sind für gewöhnlich wach, bekommen aber ein Mittel zur Beruhigung. Der Untersucher betäubt nur die Stelle mit einem Lokalanästhetikum, an dem er die Katheter der elektrophysiologischen Untersuchung einführen möchte. Unter dieser örtlichen Betäubung punktiert der Arzt meist die Leistenvenen und legt dort eine sogenannte „Schleuse“ an. Sie verhindert wie ein Ventil, dass Blut aus dem Gefäß austritt und ermöglicht es, die Katheter einzuführen.

Über die Schleuse schiebt der Arzt nun bis zu sechs dünne Elektrodenkatheter über die große Hohlvene in den rechten Vorhof vor. Dieser Vorgang ist für den Patienten kaum spürbar, die Lage der Katheter wird mittels eines Röntgenbildes kontrolliert. Liegt der Ursprung der Herzrhythmusstörung in der linken statt der rechten Herzhälfte, wird die trennende Wand zwischen den Vorhöfen durchstochen.

Gelingt das nicht, werden die Katheter der elektrophysiologischen Untersuchung über das Schlagadersystem (Arterien) eingeführt.

Im Herzen angekommen können nun die elektrischen Signale, die die Herzrhythmusstörungen auslösen, an verschiedenen Stellen des Herzens registriert werden. Dabei  wird ein EKG direkt aus dem Herzen (intrakardial) geschrieben und interpretiert. In manchen Fällen müssen die Herzrhythmusstörungen erst durch elektrische Impulse aus den Kathetern ausgelöst werden, damit der Arzt deren Art und den Ursprung bestimmen kann.

Je nach dem, wie viel man vor der elektrophysiologischen Untersuchung über die Herzrhythmusstörung des Patienten weiß, dauert die EPU unterschiedlich lang. Sind mehrere Tests nötig, kann die EPU auch langwierig verlaufen (etwa eine Stunde).

Häufig werden direkt im Anschluss an die EPU die Ursprungsorte der Störsignale mit einem speziellen Ablationskatheter verödet (Radiofrequenzablation), wodurch die falsche Erregungsleitung im Idealfall dauerhaft unterbunden wird. Alternativ können auch Medikamente helfen. Nach der EPU werden die Katheter und die Schleuse aus den Leistenvenen entfernt und ein Druckverband angelegt, der für mehrere Stunden verbleibt.

Welche Risiken birgt eine elektrophysiologische Untersuchung?

Die elektrophysiologische Untersuchung ist ein sicheres und komplikationsarmes Verfahren. Dennoch reizt die EPU Herz und Erregungsleistungssystem, wodurch es beispielsweise zu Vorhofflimmern kommen kann. Weitere mögliche Komplikationen sind:

  • Allergien auf die örtliche Betäubung oder auf andere Medikamente
  • Verletzungen von Gefäßen, Nerven, Haut und Weichteilen
  • Blutungen
  • Infektionen
  • Blutgerinnsel (Thrombosen und Embolien) und Schlaganfall
  • Blutergüsse
  • Wundheilungsstörung

Gefährliche Herzrhythmusstörungen werden nur selten ungewollt ausgelöst. Außerdem können die meisten im Rahmen der elektrophysiologischen Untersuchung sogleich behoben werden. Dennoch sind in einem EPU-Labor zur Sicherheit alle Hilfsmittel vorhanden, die Ärzte zu einer eventuell notwendigen kardiopulmonalen Reanimation benötigen.

Was muss ich nach einer elektrophysiologischen Untersuchung beachten?

Bereits wenige Stunden nach der elektrophysiologischen Untersuchung können Sie in der Regel nach Hause gehen. Sport oder anderweitige, größere Anstrengungen sollten Sie in den ersten Tagen nach der EPU jedoch meiden.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Vorlage:
Annett Blättermann
Autor:
Valeria Dahm
Valeria Dahm

Valeria Dahm ist freie Autorin in der NetDoktor-Medizinredaktion. Sie studierte an der Technischen Universität München Medizin. Besonders wichtig ist ihr, dem neugierigen Leser Einblick in das spannende Themengebiet der Medizin zu geben und gleichzeitig inhaltlichen Anspruch zu wahren.

Quellen:
  • Hamm, C.; Willems, S.: Checkliste EKG, Thieme-Verlag, 4. Auflage 2014
  • Leitlinie invasive elektrophysiologische Diagnostik, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e.V., 2007; leitlinien.dgk.org; (Abruf 07.01.2020)
  • Schneider, C.: Das EPU-Labor: Einführung in die invasive elektrophysiologische Untersuchung, Springer-Verlag, 1. Auflage 2005
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